Interview Dr. Bauerfeind

Bitte beachten Sie, dass das folgende Interview mit Herrn Dr. Ingo Bauerfeind, dem Leiter der Projektgruppe, anlässlich der 15. Auflage 2015 stattfand.


Herr Dr. Bauerfeind, an dem Manual haben über 90 Autoren mitgeschrieben. Wie schaffen Sie es, dass es rechtzeitig fertig wird – ist es mittlerweile ein Selbstläufer?

… ein Selbstläufer – nein, das kann man nicht sagen. Wir haben es jedoch mit unseren Regeln sehr gut geschafft, Strukturen zu schaffen und uns in der Projektgruppe zu organisieren. Etwas Routine kommt auch dazu, da die Erstautoren relativ konstant bleiben. Wichtig ist auch die sehr gute Kooperation mit dem Verlag, der uns bei vielem unterstützt und darauf schaut, dass die Zeiten eingehalten werden. Nichtdestotrotz passiert jedes Mal etwas Unerwartetes, das zu Stress führt, sei es, dass das Laptop geklaut wird, dass sich eine Gruppe überhaupt nicht einigen kann oder, wie dieses Jahr, dass ein Kapitel einfach vergessen wurde.


Was hat sich in den vergangenen zwei Jahren in der Diagnostik und der Therapie geändert?

Das spannendste für mich ist, dass wir immer mehr über die molekularen Mechanismen der Tumorzellen lernen, so z. B. dass es verschiedene Arten von Brustkrebs gibt, die auch verschiedene Arten von Therapien benötigen. Die Diagnostik ist etwas differenzierter und genauer geworden, die Therapie wurde in ausgewählten Fällen gezielter und die Medikamente vielfältiger. Die Chirurgie ist weit weniger radikal geworden, sei es mit den Abständen der Schnittränder, sei es bei den Axillaoperationen.


Wodurch unterscheiden sich die neuen Medikamente von der bisherigen Chemotherapie?

Sie können gezielter eingesetzt werden, haben meist weniger Nebenwirkungen, die jedoch nicht unterschätzt werden dürfen. Das größte Problem der Chemotherapie ist, dass wir an der Prognose und nicht an prädiktiven Faktoren festmachen, ob sie verabreicht wird; d. h. schlechte Prognose bedeutet immer noch Chemo – aber ob sie wirkt, wissen wir nicht.


Weiß man, ob Frauen mit einem Mammakarzinom mit all den Neuerungen länger und besser leben?

Durch das Tumorregister wissen wir mittlerweile, dass eine sehr differenzierte adjuvante medikamentöse Therapie definitiv das Überleben verbessert, also das, was wir tun – mit neuen Medikamenten, mit unserer Art zu operieren und zu bestrahlen.
Das kann natürlich auch damit zu tun haben kann, dass wir Mammakarzinome durch das Screening früher erkennen. D.h. wenn wir bei einer Patientin ein Mammakarzinom im Screening erkennen, dann behandeln wir sie früher, sie hat eine bessere Chance zu überleben.


Das Mammografiescreening wurde sehr emotional diskutiert. Was ist das Besondere an diesem Thema?

Es werden hier Gesunde untersucht und es kann falschen Alarm geben, was für Frauen natürlich in den darauf folgenden 3 bis 4 Wochen eine große psychische Belastung sein kann. Auch der sehr funktionale und anonyme Ablauf wird bemängelt. Dies ist jedoch der hohen diagnostischen Qualität mit Doppel-, z.T. Drittbefundung und der gleichzeitigen Untersuchung von sehr vielen Frauen geschuldet.


Es wird auch kritisiert, dass es zu Übertherapien kommt.

Ja, stimmt – dass wir etwas sehen und behandeln, das gar nicht zum Tod führen würde. Das mag schon sein, aber wir können derzeit nicht etwas sehen und dies dann nicht behandeln.
Und man darf nicht vergessen, dass Screening das Mammografieren reguliert, verglichen mit dem grauen Screening, auch damals wurden Frauen unnötig mammografiert und verunsichert.
Für mich überwiegt momentan der Benefit, v. a. weil mir auch niemand sagen kann, wie es besser gemacht werden kann.


Wagen Sie für uns eine Prognose, was sich als Nächstes beim Mammakarzinom ändern wird?

Ich denke, dass Patienten in Zukunft nicht nur eine Chemo und einen Antikörper kriegen, sondern eine Vielzahl von Dragees und Kapseln gegen die individuellen Eigenschaften eines Tumors. Diese neuen Medikamente mit ihren verschiedenen Mechanismen, ob sie einen Zellteilungsmechanismus behindern oder wiederherstellen, sind sehr vielversprechend. Da wird viel passieren, wobei ein Tumor einfach Chaos ist, und er wird uns, leider, immer wieder einen Schritt voraus sein.


Ganz herzlichen Dank, Herr Dr. Bauerfeind für das Gespräch.

Das Gespräch führte Dr. Anne Glöggler.